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THE CHARLES MYERS LIBRARY

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Collection

NATIONAL INSTITUTE OF INDUSTRIAL PSYCHOLOGY

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Pädagogische Monographien

herausgegeben von Dr. E. Meumann,

= o. Professor der Philosophie und Pädagogik am öffent- lichen Vorlesungswesen in Hamburg.

FIEITEIITNTUTHTUEHSEAEHSHEHEAENEN

XIV. Band.

Über das Studium der Individualität.

Von

Prof. Dr. A. Lasurski.

Mit Programm der Untersuchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung von S. Franck und A. Lasurski.

Deutsch von N. Gadd.

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OTTO NEMNICH T— VERLA

LEIPZIG. 1912.

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WELLCOME INSTITUTE LIBRARY

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Coll. No.

Em Andenken des grossen Menschenkenners Fedor Michailowitsch Dostojewskij

widmet sein Werk in ehrfurchtsvoller Dankbarkeit

der Verfasser.

Inhaltsverzeichnis.

une N ee ER en Kapitel I. Begriff der Neigung; ihre Entwicklungsstufen oder Potenzen. _ Einfache und zusammengesetzte Neigungen. Das anatomisch - phy- siologische Korrelat der Neigungen; ihre inneren und äußeren Äußerungen. Begriff des Anreizers, Die Gewohnheiten und ihr Ver- hältnis zu den Hauptneigungen. Das verschiedene Verhältnis der Hauptneigungen untereinander. Definition des Charakters 5 Kapitel II. Die neuro-psychische Organisation als eine funktionelle Ein- = heit; verhältnismäßige Unabhängigkeit der einzelnen Funktionen. Die biologische Bedeutung der wichtigsten psychischen Fähigkeiten, resp. Hauptneigungen; Wechselverhältnis der wichtigsten Erkenntnis-, Ge- = fühls- und Willensfunktionen. Die Prozesse der Assoziation und = Apperzeption. Der Unterschied unserer Hypothese von der Ver-

mögenstheorie . . .

Kapitel III. Die auf Tatsachen gegründeten und der psychologischen = Analyse unterworfenen Charakteristiken als unentbehrliches Material der wissenschaftlichen Charakterologie. Bedeutung von ausführlichen Programmen der Untersuchung der Persönlichkeit, Endo- und exo- psychische Seiten der Persönlichkeit. Programm der Untersuchung der subjektiven (endopsychischen) Seite: erster, leitender Teil; zweiter, erläuternder Teil en SE ME RER Rt Re > R ER S Kapitel IV. Methoden der Zusammenstellung von Charakteristiken. Methode der äußeren Beobachtung, die Möglichkeit ihrer Vervoll- kommnung. Muster eines Journals, ergänzender Notizen und einer fortlaufenden Aufzeichnung. Muster einer. Charakteristik. Das natür-

liche Experiment als eine weitere Vervollkommnung der äußeren Be- obachtung . . . .

Kapitel V, Begriff der charakterologischen Analyse von psychischen Erscheinungen; Beispiele einer solchen. Möglichkeit einer Anwendung der experimentellen Methode und der Methode der äußeren Beob- achtung, Das statische und das dynamische Verfahren bei charak- terologischer Analyse. Die Bedeutung dieser Analyse bei Unter- suchung der endo- und exopsychischen Seiten der Persönlichkeit

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Kapitel VI. Die nr Richtung und die Aufgaben der Individual- psychologie: sie soll eine Wissenschaft und keine Kunst, eine theo- retische und keine angewandte Disziplin sein. Die sich daraus er- gebenden Folgen. Verhältnis der individuellen Psychologie zur all- gemeinen. Einige Ideen zur künftigen Klassifikation der Persönlich- keiten: sie soll vorzüglich auf dem Wege der Induktion ausgearbeitet werden; sie soll nicht bloß psychologisch, sondern psycho-sozial sein.

Die Einteilung der Persönlichkeiten nach ihrem psychischen Niveau und psychischen Inhalt . . . a NN ee N Anhang. SS. Franck und A. Lasurski. T eean der Fragepunkte zur Untersuchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung 149

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7 A ` E Br PaRi eo Q N DEPANA ee

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Einleitung.

Das Vorliegende bildet das Resumé einer Reihe von meinen Ab- handlungen, die im Laufe der letzten fünf Jahre in russischer Sprache

erschienen sind‘), Mancher im Original ausführlich dargestellte und

entwickelte Gedanke mußte hier notgedrungen stark gekürzt wieder- gegeben werden. Dieser Umstand erklärt das Konspektartige der Aus- führung, das vielleicht bei der Lektüre der zwei ersten Kapitel am meisten in die Augen fällt. Mit Einwilligung des Herrn S. L. Franck ist dem Buch das von uns gemeinsam entworfene Programm der Unter- suchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung als Anhang beigelegt, da dieses Programm mit dem ganzen Inhalt desselben aufs engste zusammenhängt.

Den Grundgedanken dieser Arbeit bildet die Überzeugung, daß eine planmäßige und systematische Untersuchung der menschlichen Persön- lichkeit sowohl möglich, als notwendig ist. Ohne zu leugnen, daß der dichterischen Intuition, die bereits so vieles zum Verständnis fremden Seelenlebens beigetragen hat, eine große Bedeutung zukommt, glauben wir nichtsdestoweniger, daß neben derselben die wissenschaftliche Cha- rakterologie oder, wie man sie noch sonst nennt, Individualpsychologie, ihren Platz behaupten müsse, sie, die den Weg der Beobachtung und Analyse, den Weg des Sammelns von Tatsachen und der Konstruktion von Hypothesen, mit einem Wort den Weg, auf dem die moderne natur- wissenschaftliche Psychologie fortschreitet, einschlägt. Indem sie mit

1) Die wichtigsten von ihnen sind: „Abriß der Wissenschaft von den Charakteren“,

2. Aufl. St. Petersb. 1908. „Schülercharakteristiken“, St. Petersb. 1908. „Versuch einer Klassifikation der Persönlichkeiten“, Aufsatz im Journal „Wjestnik Psichologii“ 1908; eine Reihe von Aufsätzen über die psychischen Fühigkeiten und deren biologische Grund- lagen, wie auch über die Bedeutung dieses Begriffs für die moderne wissenschaftliche Psychologie in der Zeitschrift „Woprossy filosofii i psichologii“ 1909—10.

Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. il

(Lasurski, Ueber das Studium der Individualität).

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der allgemeinen Psychologie aufs engste verbunden ist, von ihr ausgeht und sich auf sie gründet, muß sie doch mit der Zeit sich zu einer ab- gesonderten, selbständigen wissenschaftlichen Disziplin gestalten, die ihr eigenes Forschungsgebiet besitzt und ihre eigenen bestimmten rein theoretischen (und nicht bloß angewandte) Zwecke verfolgt. Ihre Haupt- aufgaben sind: die Untersuchung der elementarsten und zu gleicher Zeit der wichtigsten individuellen Differenzen und deren Korrelationen ; die Untersuchung der typischsten, charakteristischen Äußerungen dieser ele- mentaren Differenzen, endlich die Untersuchung jener vielfach zusammen- gesetzten Komplexe (Typen und Charaktere), welche durch die Wechsel- wirkung zwischen der psychischen Organisation des Menschen und den auf ihn einwirkenden Faktoren seiner Umgebung ins Leben gerufen werden.

Während der letzten Jahrzehnte wurde die Erforschung der menschlichen Persönlichkeit hauptsächlich in zwei Richtungen unter- nommen; einerseits wurden die individuellen Differenzen und deren Korrelationen vorzüglich mittels des Experiments untersucht, anderer- seits die wichtigsten Formen der menschlichen Charaktere beschrieben und klassifiziert. Es scheint uns, daß die Vereinigung dieser beiden Richtungen nicht nur für die Zukunft als wünschenswert erscheint, sondern auch in der Gegenwart schon ausführbar sei, und daß ein der- artiger Versuch vieles zur Beleuchtung dieses schwierigen und nebel- haften Gebiets beitragen würde.

Eine zweite Eigentümlichkeit dieses Buches ist die Bedeutung, die wir dem Begriffe der psychischen Neigung oder Fähigkeit verleihen. Es scheint uns vollkommen unmöglich, ohne diesen Begriff eine wissen- schaftliche Charakterologie zu konstruieren. Um die einzelnen Indi- vidualitäten in einer bewußten und klaren Weise einander gegenüber- zustellen, um die Struktur jedes einzelnen Charakters bloßlegen zu können, muß man in dem letzteren jene elementaren Hauptneigungen, die in ihrer Gesamtheit die psychische Organisation des gegebenen Menschen ausmachen, unterscheiden. Den Menschen aus seinen Neigungen zu rekonstruieren ist das Ziel, nach welchem wir in jedem einzelnen Fall zu streben haben. Dabei hüten wir uns jedoch, den empirischen Standpunkt zu verlassen. Der Begriff der ‚Neigung oder der Fähigkeit ist, insofern er in der Individualpsychologie unent- behrlich ist, eigentlich bloß ein Hinweis auf die Tatsache einer mehr- fachen Wiederholung dieser oder jener einfachen oder komplizierten Äußerungen bei ein und demselben Subjekt. Der Aee gründung, die wir diesem Begriff im 2. Kapitel unseres Buches 5 > kann widersprochen oder beigestimmt werden, aber die Bedeutung dieses

de

f Begriffs für das Sammeln, die Systematisierung und Bearbeitung des

faktischen Materials zu leugnen, scheint uns kaum möglich.

Die Persönlichkeit des Menschen wird jedoch durch seine psychische oder neuro-psychische Organisation bei weitem nicht erschöpft. Keine geringere Bedeutung kommt dem Gepräge zu, welches dem Menschen von seiner Umgebung im weitesten Sinne des Wortes aufgedrückt wird. Eine ausführliche Beschreibung von Äußerungen, die wenig oder garnicht von dem Bestand der neuro-psychischen Organisation abhängen und doch in charakterologischer Hinsicht von großer Bedeutung sind, wird der

= Leser im Programm, das den Anhang des vorliegenden Werkes bildet,

= finden. Diese beiden Seiten der menschlichen Persönlichkeit können = einander entweder entsprechen oder nicht, können rein mechanisch an-

einandergefügt, oder im Gegenteil miteinander organisch verbunden sein; das alles besitzt sowohl für die Struktur der einzelnen Persönlichkeiten,

als für deren Gruppierung eine äußerst wichtige Bedeutung. Im Zu-

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sammenhang damit steht unsere Ansicht von der Klassifikation der Cha-

7 raktere; diese soll nicht bloß psychologisch, sondern = psycho-sozial sein, indem das Wort „sozial“ im weitesten Sinne

verstanden werden muß. Die Unzulänglichkeit der modernen Klassi- fikationen von Charakteren wird, unserer Meinung nach, nicht durch

| ihre Unrichtigkeit, sondern vielmehr durch ihre Einseitigkeit bedingt,

= indem sie ausschließlich von den Eigentümlichkeiten der psycho-physiolo-

gischen Organisation des Menschen ausgehen, ohne die andere, nicht minder wichtige Seite der Persönlichkeit zu berücksichtigen.

Was endlich die Methoden der Untersuchung anbelangt, so wird die systematisch geführte objektive äußere Beobachtung, die gegen- wärtig, wenigstens inbezug auf das gegebene Gebiet, so ungerecht ver- nachlässigt wird, von uns in den Vorderplan gestellt. Das Studium von Biographien und typischen Gestalten der Dichtung kann freilich sehr wertvoiles Material liefern, doch werden die ersteren gewöhnlich bloß solchen Menschen gewidmet, die in irgend einer Hinsicht über das Mittelmäßige hinausragen, die letzteren werden durch das Prisma des

künstlerischen individuellen Schaffens gebrochen. Die experimentelle

Methode, die gegenwärtig die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, kann und wird auch wahrscheinlich der Individualpsychologie wichtige Dienste erweisen, doch scheint es uns, daß ihre Bedeutung für das ge- gebene Gebiet gewissermaßen beschränkt ist. Die Rolle des Experi- ments besteht vor allem in der detaillierten Untersuchung einzelner

einfachen psychischen Funktionen (resp. individueller Differenzen, die

durch das Vorherrschen dieser oder jener Funktion hervorgerufen werden), so wie in der Bloßlegung der zwischen diesen Funktionen 1*

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stattfindenden gesetzmäßigen Korrelationen. Die Feststellung dieser Korrelationen erlaubt uns sodann ein Schema jeder gegebenen Persön- lichkeit zu konstruieren, sobald wir erfahren haben, welche individuelle Eigentümlichkeiten in ihr vorherrschen. Keine geringere Bedeutung kommt dem Experimente auch in den wichtigen und mannigfaltigen Untersuchungen zu, die wir mit dem allgemeinen Namen der „charak- terologischen Analyse der Äußerungen“ bezeichnen, und deren Aufgabe darin besteht, zu bestimmen, welche elementare Neigungen die unent- behrliche Grundlage für die Entstehung dieser oder jener komplizierten Äußerung bilden. Inbezug auf die Lösung aller derartigen Fragen er- scheinen die in Laboratorien vorgenommenen experimentellen Unter- suchungen, mit ihrer Genauigkeit und Gründlichkeit der Analyse, mit der Möglichkeit der Wahl und Konzentrierung auf ein verhältnismäßig beschränktes Problem als sehr zweckmäßig.

Dasselbe kann aber nicht auch von dem anderen, vielleicht noch wichtigeren Teil der Wissenschaft von den Charakteren behauptet werden wir sprechen von der Diagnose der Persönlichkeiten oder der sogenannten Psychognosis. Hier hat sich die experimentelle Me- thode in der Gestalt der zuerst so vielversprechenden mental tests, unserer Ansicht nach, als unzulänglich erwiesen. Die experimentellen Intelligenzprüfungen können, wie es scheint, nur da einigermaßen nützlich sein, wo scharf ausgeprägte Defekte des psychischen Lebens vorhanden sind, nämlich bei Untersuchung von Geisteskranken und von Kindern, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind. Bei normal entwickelten Individuen ist ihr Ertrag ein geringer: im besten Fall gewinnt man einzelne, mehr oder weniger scharfe, die allgemeine Charakteristik er- gänzende Züge; die Charakteristik selbst wird jedoch auf Grund der auf dem Wege der Beobachtung festgestellten Fakta konstruiert. Fürs erste bildet das Sammeln dieser auf Tatsachen gegründeten Charak- teristiken, unserer Meinung nach, die nächste und zwar eine sehr wichtige Aufgabe der wissenschaftlichen Charakterologie. Es muß daher zu einer Ausarbeitung und-Vervollkommnung der Methode, welche hier auch gegenwärtig noch als die grundlegende erscheint, nämlich der Methode der äußeren objektiven Beobachtung, geschritten werden. ‚Die Resultate einiger Versuche, die von mir und meinen Mitarbeitern in dieser Richtung unternommen worden sind, findet man Kapitel III und IV.

Ein weiterer Schritt in dieser Richtung muß, wie es: scheint, der sein, daß spezielle neue Methoden der Untersuchung ausgearbeitet werden müßten, welche einerseits dem Beobachter das Heraustreten aus dem passiven Zustand, in dem er sich bei der einfachen Do befindet, gestatten würden, und andererseits sich dem Leben nähern,

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eine größere. Natürlichkeit im Vergleich zu den in den Laboratorien gewöhnlich angewandten psychologischen Experimenten besitzen würden. Eine ausführlichere Charakteristik dieser „natürlichen Experimente“ findet der Leser weiter unten (Kap. IV); an dieser Stelle beschränken wir uns bloß auf den Hinweis, daß ein derartiges Vorgehen der in der Medizin gewöhnlich angewandten Methode der klinischen Untersuchung sehr ähnlich sein müsse. Bei dieser letzten beschränkt sich der Arzt auf eine einfache Beobachtung nicht, sondern läßt den Kranken eine Reihe von bestimmten im voraus gewählten Bewegungen und Handlungen voll- ziehen; diese stellen. aber in weitaus den meisten Fällen nichts Außer- gewöhnliches, Erkünsteltes, absichtlich Erfundenes dar, sondern wieder- holen bloß Äußerungen und Tätigkeiten, die dem Kranken in seinem gewöhnlichen, alltäglichen Leben ganz geläufig sind. Die detaillierte Ausarbeitung einer analogen Methode für das Gebiet der Individual- psychologie könnte von großer Bedeutung sein, besonders für Pädagogen, da diese Methode die psychologische Untersuchung der Persönlichkeit den rein pädagogischen Beobachtungen und Experimenten, von denen sie in ihrer gewöhnlichen, alltäglichen Praxis beständig Gebrauch machen, annähern würde.

Das ist das Wesentliche, was wir in diesem Buche darzulegen be- absichtigt haben. Inwiefern unsere Ansichten sich als richtig und fruchtbar erweisen werden entscheidet die Zeit.

A. Lasurski.

Kapitel I.

Es ist uns allen wohlbekannt, daß jeder Mensch sich von seinen Mitmenschen durch irgend etwas unterscheidet, jeder seine „individuelle Physiognomie“ besitzt. Neben einer ganzen Reihe von Eigenschaften, die in einem größeren oder geringeren Grade allen Menschen gemein sind, gibt es eine noch größere Zahl von Eigenschaften, die sowohl in- bezug auf ihre Qualität als auch inbezug auf ihre Intensität bei ver- schiedenen Menschen scharf variieren. Freilich wird der Begriff der In- dividualität wie wir weiter unten sehen werden, durch diese „indi- viduellen Differenzen“ noch nicht erschöpft, indem er noch andere, nicht minder wesentliche Seiten enthält; nichtsdestoweniger erscheinen das. Studium und die Gruppierung dieser Differenzen, sowie der ihnen zu Grunde liegenden psychischen Fähigkeiten (oder Hauptneigungen, wie wir sie im Folgenden nennen werden) als eine der wichtigsten Fragen der individuellen Psychologie, weshalb wir uns ihnen auch in erster Linie zuwenden 1).

Nach einer längeren und systematischen Beobachtung eines be- liebigen Menschen, während der die charakteristischen Außerungen, nach denen wir die innere Welt der Menschen zu beurteilen pflegen, sorgfältig notiert werden, gelangt man leicht zur Überzeugung, daß diese Äußerungen bei jedem gegebenen Individuum bei weitem nicht so mannigfaltig und unbeständig sind, wie es auf den ersten Blick hätte erscheinen können. Das zwei oder drei Wochen geführte Journal er- bringt bereits Notizen, welche sich beinah in derselben Form wieder- holen. Neben zufälligen Erscheinungen, die für das gegebene Subjekt nicht typisch sind und bloß infolge eines ungewöhnlichen Zusammen- treffens von Umständen entstehen, treten nach und nach die beständigen

1) Ausführlicher über „individuelle Differenzen“ und „psychische Fähigkeiten“ bei W. Stern: „Differentielle Psychologie“ u. E. Meumann: „Intelligenz und Wille“, und „Vorlesungen zur Einführung in die experimentelle Pädagogik“.

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Züge der gegebenen Persönlichkeit hervor, die sich unabänderlich äußern, sobald die Umstände den geringsten Anlaß dazu bieten. Nach Ablauf einer bestimmten Untersuchungsperiode sind wir allezeit imstande zu behaupten, daß wenn auch im gegebenen Moment gewisse Außerungen am betreffenden Menschen nicht wahrgenommen werden, die Möglichkeit ihrer Entstehung dennoch sehr groß ist, und daß sie früher oder später ans Licht treten werden. So gelangen wir zum Begriff der psy- ehischen Neigung, die vorläufig als die Möglichkeit einer mehr- maligen Wiederholung irgend eines psychischen Prozesses bei einem und demselben Subjekt definiert werden kann.

Der Intensitätsgrad, den diese oder jene Neigung erreicht, oder ihre Potenz (resp. die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit der Wiederholung eines bestimmten Prozesses) ist bei verschiedenen Menschen ein verschiedener, und eben dieser quantitative Unterschied bedingt in beträchtlichem Maße die Mannigfaltigkeit der menschlichen Charaktere, denn, je nachdem diese oder jene Hauptneigung bei dem gegebenen Menschen dominiert, gestaltet sich auch seine Persönlichkeit anders. Wir besitzen mehrere Methoden, die uns erlauben die Potenz einer und derselben Neigung bei verschiedenen Menschen annähernd festzustellen, wie auch zu ermitteln, welche Neigungen bei einem und demselben In- dividuum die herrschenden sind, d.h. an Intensität alle übrigen über- treffen.

Um den ersten Zweck zu erreichen, versucht man das Minimum des Anreizers zu ermitteln, das im Stande ist eine entsprechende Erscheinung, z. B. die Entstehung irgend welcher Empfindung oder eines Gefühls, hervorzurufen; die Größe dieses minimalen Anreizers erweist sich bei verschiedenen Personen als verschieden, was uns erlaubt die verhältnis- mäßige Entwicklung der entsprechenden Neigung bei ihnen zu beurteilen. Oder man vergleicht die Intensität, mit der sich eine und dieselbe Nei-

gung (z. B. Neigung zur Angst, zum Zorn, aktive Aufmerksamkeit u. s. w.) |

bei verschiedenen Menschen, bei gleich großem Anreizer und bei möglichst gleichen äußeren und inneren Umständen äußert; die größere oder ge- ringere Intensität der Äußerungen bildet in diesem Fall, bei Beurteilung der Potenz der entsprechenden Neigung, das Kriterium. So z. B., wenn wir das Leben zweier Menschen von derselben Gefahr bedroht sehen, halten wir (falls Nebenumstände, welche die Sache verwickeln, fehlen), denjenigen von ihnen für den größeren Feigling, bei dem die Zeichen der Angst am deutlichsten zu Tage treten !).

1) Diese Methoden entsprechen im ganzen demjenigen Verfahren, welches in der

Experimentalpsychologie gewöhnlich den Namen der Eindrucks- und Ausdrucksme- thode trägt,

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Um die dominierenden Neigungen des gegebenen Subjekts zu er- mitteln, beobachtet man die Fälle, wo unter der Einwirkung eines kom- plizierten Anreizers gleichzeitig mehrere einander widersprechende und einander hemmende Neigungen tätig sind. Diejenigen, die in diesem Wechselstreit stets die Oberhand behalten, zeichnen sich offenbar durch eine intensivere Entwicklung aus als die ihnen entgegengesetzten. Eine schüchterne und furchtsame Frau zeigt bei der Rettung ihres Kindes einen wunderbaren Mut; wir urteilen: ihre Liebe zum Kinde ist stärker, als das Gefühl der Furcht.

Hier kann uns eine wesentliche Einwendung gemacht werden. Die Möglichkeit einer genauen Messung irgend welcher psychischen Vor- gänge ist, wie bekannt, eine vielfach bestrittene Frage. Nach einer sehr verbreiteten und genügend motivierten Meinung, haben wir gar kein Recht, von einer verschiedenen Intensität der Empfindungen zu reden, da es unmöglich ist, die stärkeren Empfindungen mit den schwächeren auf die Weise zu messen, wie die Länge des Gegenstandes mit Arschinen und ihr Gewicht mit Pfunden gemessen wird: die starke, intensive Empfindung ist etwas, was sich qualitativ von der schwachen Empfindung unterscheidet, und der Unterschied zwischen ihnen kann ebensowenig gemessen werden, wie derjenige zwischen zwei verschieden- artigen Empfindungen, z. B. der roten und der grünen Farbe. Wird die Möglichkeit einer Messung sogar in Bezug der einfachsten Em- pfindungen bestritten, um wie viel mehr müssen wir das auf das Gebiet der komplizierten Vorgänge, mit denen es die Individualpsychologie zu tun hat, beziehen.

Auf diese Einwendung darf erwidert werden, daß eine derartige Messung für die Individualpsychologie nicht unentbehrlich ist. Um die Neigungen und deren Verhältnis zu einander zu untersuchen, ist es nicht unbedingt erforderlich, zu wissen um „wieviel“ oder „wieviel mal“ eine psychische Erscheinung intensiver als eine andere ist. Es genügt schon, darauf hinzuweisen, daß zwischen ihnen ein Unterschied besteht und die eine von ihnen intensiver ist, als die andere. Die Existenz dieses Unterschieds aber ist eine unanfechtbare Tatsache, welche uns mittelbar und unmittelbar, auf dem Wege der inneren Erfahrung ge- geben wird. Jede Empfindung, resp. jedes Gefühl, welches im Menschen entsteht, und sich auf irgend eine Art dokumentiert, kann einmal schwach sein, ein anderes Mal etwas stärker, dann noch stärker u. s. w. Und wenn von der Notwendigkeit gesprochen wird, die Potenz einer beliebigen Neigung zu definieren, so bedeutet es bloß, daß mittels Beob- achtung von verschiedenen Erscheinungen bestimmt werden soll, welche

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von den im voraus festgestellten Stufen der Skala den Außerungen dieser Neigung bei dem beobachteten Subjekt entspricht.

Im allgemeinen zeichnet sich jede Potenz einer beliebigen Neigung durch eine bedeutende Beständigkeit und Stabilität aus, besonders gilt das für das reifere Alter, wo der Charakter des Menschen sich bereits herausgebildet hat, und wo die wichtigsten individuellen Züge mehr oder weniger scharf hervortreten. Allerdings sind Veränderungen des Charakters auch bei Erwachsenen möglich, aber diese Veränderungen gehen dann meistens äußerst langsam und allmählich, unter dem Einfluß der in bestimmter Richtung beständig wirkenden äußeren Umstände, vor sich. Fälle des sogenannten plötzlichen Umschwungs im Charakter werden am erwachsenen Menschen höchst selten beobachtet; gewöhnlich beschränkt sich die Wandlung auf eine Veränderung in der Art der Äußerungen und ihrer Konfigurationen, aber die Neigungen selbst, die diesen zugrunde liegen, bleiben unverändert.

Die verbreitete Meinung, daß der Charakter des Menschen etwas sehr Veränderliches und Unbeständiges sei, hängt ausschließlich damit zusammen, daß man die oben beschriebenen wirklichen Ver- änderungen mit den scheinbaren verwechselt, die schließlich auf die zu- oder abnehmende Anspannung der einzelnen Neigungen, zurückgeführt werden können. Bei einer und derselben Potenz kann die Neigung in verschiedenen Momenten einen verschiedenen Grad der Anspannung besitzen, was auch eine größere oder geringere Schärfe der entsprechenden Außerungen zufolge hat. Der Grad der Anspannung wird durch verschiedene Faktoren bedingt: durch die größere oder ge- ringere Kraft des im gegebenen Moment wirkenden Anreizes, durch die vorangegangene Tätigkeit der betreffenden Neigung (Ermüdung), durch die Einwirkung anderer, auf irgend eine Weise mit ihr verbundenen Neigungen u. s. w. Im Zusammenhang mit der wechselnden An- spannung der Neiguug werden auch die Äußerungen der Persönlichkeit modifiziert, wobei diese „scheinbaren“ Veränderungen wiederholt auf- treten und sehr mannigfaltig sein können, im Gegensatz zu den „wirk- lichen“ Veränderungen des Charakters, von denen oben die Rede ge- wesen ist.

Nimmt man die vorstehende vorläufige Begriffsbestimmung der Neigung oder der seelischen Eigenschaft an, so wird man eigentlich gezwungen anzuerkennen, daß beinah jedem seelischen Erlebnisse eine Neigung entspricht, denn nur die seltensten psychischen Prozesse zeichnen sich durch eine derartige Eigenartigkeit aus, daß ihre Wieder- holung bei dem gegebenen Individuum als ausgeschlossen erscheint. Doch sind lange nicht alle Neigungen dem Psychologen und Charak-

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terologen gleich wichtig; wir besitzen gewisse Kriterien, die uns er- lauben, aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der psychischen Neigungen oder Dispositionen die verhältnismäßig geringe Zahl der Haupt- neigungen auszuscheiden, deren Gesamtheit das Tiefste und Wichtigste in der subjektiven Organisation des Menschen umfaßt. Von einer de- taillierten Mitteilung über diese Kriterien abstehend, heben wir an dieser Stelle nur zwei derselben hervor, die als die wesentlichsten erscheinen und für die allgemeine Psychologie wie auch für die Individualpsycho- logie eine gleiche Bedeutung haben, nämlich die Einfachheit und Stabilität der einzelnen Neigungen.

Es gibt einfache (elementare) und zusammengesetzte (komplizierte) seelische Eigenschaften. Zu den ersten gehören z. B. die Neigung zur größeren oder geringeren Geschwindigkeit irgend eines intellektuellen Prozesses, die größere oder geringere Erregbarkeit der Gefühle, die Fähigkeit, etwas im Gedächtnisse zu bewahren, die Fähig- keit zu einer größeren oder geringeren Anspannung des Willens, zu den zweiten z. B. Heuchelei, Interesse für das Theater, rednerische Be- gabung, ethische Anschauungen, soziale Gewohnheiten. Eine scharfe Grenze kann allerdings zwischen den einfachen und zusammengesetzten Fähigkeiten nicht gezogen werden, da eine ganze Reihe von Übergangs- stufen möglich ist; doch bleibt der Unterschied zwischen den extremen Repräsentanten jeder von diesen Gruppen sehr bedeutend.

Für die wissenschaftliche Psychologie haben die einfachsten Nei- gungen, die wenigstens gegenwärtig keiner weiteren subjektiven Analyse zugänglich sind, eine besondere Bedeutung. Sie sind es ja, die schließlich jene „charakterologischen Elemente“ bilden, aus welchen wir bei ge- nügend reichem Material jede einzelne Persönlichkeit wenigstens in ihren Hauptzügen „rekonstruieren“ können.

Was die zusammengesetzten seelischen Fähigkeiten anbelangt, so bietet ihre Untersuchung, die praktisch sehr wichtig ist, vom Stand- punkte der theoretischen Psychologie, bei weitem nicht dasselbe In- teresse. Indem wir zur Untersuchung einer beliebigen zusammen- gesetzten Neigung schreiten, werden wir unvermeidlich genötigt, dieselbe in ihre Bestandteile zu zerlegen, wobei wir diese Zergliederung so lange werden fortsetzen müssen, bis wir zu Elementen gelangen, die nicht weiter analysiert werden können, d.h. zu eben denselben einfachen Neigungen. Va

Andererseits erweisen sich die zusammengesetzten Dispositionen, welcher Art sie auch seien, als lange nicht so stabil, dauerhaft unver- änderlich in ihren Bestandteilen, wie die einfacheren seelischen Eigen- schaften. Solche Neigungen, wie Heuchelei, Interesse für das Theater,

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gewisse soziale Anschauungen und Sympathien kommen bekanntlich in = den allerverschiedensten Formen vor, werden außerdem in beträcht- _ lichem Maße unter dem Einfluß der äußeren Umstände gebildet und können bei einer Veränderung in den letzteren wesentlich modifiziert werden, obgleich die subjektiven Grundzüge der Persönlichkeit durchaus dieselben bleiben. Solche rein äußerliche Veränderungen und Modifi- zierungen des Charakters können, wie wir es weiter unten sehen werden, dem Charakterologen ein bedeutendes Interesse darbieten; jedoch wird er stets sein Hauptaugenmerk auf diejenigen elementaren, stabilen und stets qualitativ gleichartigen Seiten der psychischen Organisation zu richten haben, welche, indem sie einen mehr oder weniger hohen Inten- sitätsgrad erreichen, die Grundlage des psychischen Lebens und der Tätig- keit eines jeden Menschen bilden.

| Schon die oben angeführten Beispiele der einfachen Hauptneigungen

(Neigung zur Geschwindigkeit der intellektuellen Prozesse, die Erreg- |

barkeit der Gefühle, die Fähigkeit, etwas im Gedächtnis zu bewahren,

die Fähigkeit zur Anspannung des Willens) zeigen, daß dieser Begriff ı auf keinen Fall mit der sogenannten „psychischen Atomen“ identifiziert

werden darf. Bekanntlich verstehen unter diesen psychischen Atomen einige Psychologen die Empfindungen, indem sie sich bemühen, jedes psychische Erlebnis in uns ohne Rest in verschiedenartige Empfindungen zu zerlegen, um es nachher mittels dieser letzten zu rekonstruieren, wie

der Chemiker zusammengesetzte Körper aus Atomen konstruiert. :

Andere Psychologen unterscheiden zwei Arten von Elementen: die Em- pfindungen und die einfachen Gefühle. Unter den Hauptneigungen wird jedoch, wie wir es gleich sehen werden, etwas ganz anderes verstanden.

Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen unseren Hauptneigungen und |

den psychischen Atomen ist allerdings nicht zu leugnen; sie besteht darin, daß sowohl diese, als auch jene die einfachsten psychologischen Elemente darstellen, die, wenigstens bei den gegenwärtigen Unter- suchungsmethoden, keiner weiteren Analyse zugänglich sind; außerdem haben wir es in beiden Fällen nicht mit einem psychischen Prozeß, als mit einem Ganzen zu tun, sondern bloß mit irgend einer Seite dieses Prozesses, welche sich beinah in derselben Form wiederholt. Infolge- dessen muß unsere vorläufige Begriffsbestimmung der psychischen Nei- gung verengert werden: unter der Neigung verstehen wir die Mög- lichkeit einer mehrmaligen Wiederholung einer ele- mentaren Seite dieses oder jenes psychischen Prozesses bei dem Objekt der Beobachtung.

Auf das eben Angeführte beschränkt sich aber auch die Ähnlichkeit zwischen unseren Hauptneigungen und den psychischen Atomen, nun

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folgt der Unterschied und zwar ein sehr wesentlicher. Vor allem sieht der Anhänger der Atom -Theorie in den Empfindungen und einfachen Gefühlen ausschließlich bewußte Erlebnisse und nichts weiter. Indem er einen komplizierten Prozeß in seine Bestandteile zu zerlegen bestrebt ist, bezweckt er allezeit bloß eine ausführliche Analyse dessen, was das Subjekt im gegebenen Moment erlebt, nicht die Ursachen, warum er es erlebt. Wenn wir dagegen von den psychischen Neigungen reden, so meinen wir vor allen Dingen die Möglichkeit der Entstehung irgend einer bestimmten Seite eines psychischen Prozesses, d. h. jene von uns noch ungenügend erforschte innere und äußere Bedingungen, jene Wechselwirkung zwischen konstanten Anlagen oder Dispositionen des betreffenden Menschen und den äußeren Umständen oder Anreizern, infolge deren im gegebenen Moment bestimmte Empfindungen, Gefühle und deren Kombinationen bei dem gegebenen Menschen entstehen. Die einzelnen Seiten der psychischen Prozesse, die von unserem Bewußtsein unmittelbar wahrgenommen werden, interessieren uns nicht an und für sich, sondern bloß soweit sie uns erlauben, die Natur der Haupt- neigungen, deren Außerungen sie sind, wie auch die Wechselwirkung zwischen denselben zu beurteilen.

Der zweite Unterschied besteht darin, daß der Begriff der Neigung nicht nur auf den Inhalt des Bewußtseins im engern Sinn bezogen werden soll, sondern auch auf die sogenannten formalen Seiten unseres Seelenlebens, wie die Geschwindigkeit einzelner psychischer Prozesse und ihre Wechselwirkung, die Eigentümlichkeiten ihres Verlaufs u. s. w. Damit wollen wir durchaus nicht sagen, daß alle Abarten der Haupt- neigungen für unser seelisches Leben durchaus die gleiche Bedeutung haben oder sich zu einander auf gleiche Art verhalten. Im Gegenteil ist der Unterschied, der unter den einzelnen Hauptneigungen und ihren Wechselbeziehungen besteht, sehr groß, die Aufgabe der Psychologie besteht eben darin, diesen Unterschied zu untersuchen und die Stelle, die jede Hauptneigung in der allgemeinen psychischen Organisation ein- nimmt, zu definieren. Aber eine derartige Synthese der einzelnen Nei- gungen kann nur das Resultat einer ausführlichen Untersuchung und Analyse derselben sein; indem wir zu dieser Untersuchung schreiten, müssen wir bei jeder psychischen Erscheinung ohne Ausnahme dieselben Methoden und Kriterien anwenden, und nicht infolge irgend einer vor- gefaßten Meinung irgend eine Gruppe von seelischen Eigenschaften

(z. B. die Neigungen, die sich auf die formale Seite der psychischen

Prozesse beziehen), im voraus herausheben und den übrigen entgegen-

stellen. Da der so erweiterte Begriff der Neigung sehr mannigfaltige

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Elemente umfaßt, werden wir genötigt auch den Begriff des ana- - tomisch -physiologischen Korrelats dieser Neigung zu erweitern. Die Anhänger des psychischen Atomismus, welche bestrebt sind, jeden seelischen Vorgang in ganz homogene Atome, Vorstellungen oder Em- pfindungen, zu zerlegen, neigen gewöhnlich zur Annahme einer strengen Lokalisation dieser Empfindungen in gewissen Rindengebieten. Noch mehr sie versuchen sogar innerhalb eines jeden einzelnen Rinden- gebietes (z. B. des Seh- oder Hörgebietes) Teile abzusondern, welche irgend einem Teil der Retina oder der verschiedenen Höhe der Töne u. s. w. entsprechen sollen. Um das Vorhandensein von Assoziationen der Vorstellungen zu erklären, beruft man sich häufig darauf, daß ge- wisse Bilder in entsprechenden Zellen der Hirnrinde lokalisiert sein müßten und daß eine wiederholte Kombination derselben Vorstellungen die Leitung des Nervenstromes vermittels der die betreffenden Zellen verbindenden Fasern erleichtere.

Im Gegensatz dazu muß die Lehre von den Neigungen, ohne die spezifische Wichtigkeit, welche die einzelnen Rindengebiete für ver- schiedene psychische Prozesse haben im mindesten zu leugnen, sich mehr der funktionellen Lokalisation, als der anatomischen zu- neigen. Von diesem Standpunkte erscheinen die Cerebralzentren nur als Knotenpunkte oder Bindeglieder (wenn auch sehr wichtige Binde- glieder) in diesem komplizierten funktionellen System, welches in Tätig- keit gerät, wenn wir einen diesem System entsprechenden Prozeß erleben. Ferner, sobald wir anerkennen, daß die Neigungen, die sich auf die rein formelle Seite des Seelenlebens beziehen, keine geringere Bedeutung haben, als diejenigen, welche sich auf dessen Inhalt beziehen, muß das notwendig unsere Anffassung des anatomisch - physiologischen Korrelats beeinflussen: solche Seiten der Gehirntätigkeit, wie die größere oder geringere Geschwindigkeit und Intensität der Prozesse des Zerfalls und der Wiederherstellung in den Gehirnzellen, die größere oder ge- ringere Entwicklung der Beziehungen der Zentren untereinander, z. B. die Fähigkeit oder Unfähigkeit, Bewegungen zu kemmen u. s. w., das alles wird uns nicht weniger interessieren, als die rein anatomische Lokalisation in den Gehirnzentren.

Neben der Einfachheit und Stabilität kann zum Zweck der Aus- scheidung der Hauptneigungen noch ein Kriterium angewandt werden ein Kriterium, welchem jedoch ausschließlich in der Individual- psychologie oder der Lehre von den Charakteren eine Bedeutung zu- kommt. Vom Standpunkte dieser Lehre erscheinen nur diejenigen Hauptneigungen als wesentlich, welche bedeutende individuelle Schwan- kungen erleiden, d.h. bei verschiedenen Menschen nicht gleich stark

entwickelt sind. Bekanntlich sieht W. Stern in der genauen Fest- stellung einer möglichst großen Zahl von „individuellen Differenzen“ sogar die einzige gegenwärtig lösbare Aufgabe für diejenigen, welche eine wissenschaftliche Untersuchung der Charaktere erstreben. Von der Wichtigkeit des angeführten Kriteriums gibt schon der Name der Individualpsychologie Zeugnis.

Hier kann die Frage laut werden: welcher Art individuelle Diffe- renzen sollen denn bei der Wahl der Hauptneigungen die größere Rolle spielen die qualitativen oder die quantitativen? Einige Autoren stimmen für die ersteren. Ihrer Meinung nach besteht die Aufgabe des Charakterologen in der Untersuchung der Veränderungen, die eine und dieselbe Neigung bei verschiedenen Menschen erleidet, „indem sie sozu- sagen durch das Prisma des individuellen Charakters und Temperaments gebrochen wird“. Unseres Erachtens aber soll die wissenschaftliche Charakterologie gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen. Als erstes Kriterium erscheint bei der Ausscheidung der Hauptneigungen ihre verhältnismäßige Einfachheit, resp. die Unmöglichkeit, sie, bei dem gegenwärtigen Stand der psychologischen Wissenschaft, weiter zu zer- gliedern‘). Im Gegenteil können die quantitativen Schwankungen in allen einfachen Fällen sehr scharf zu Tage treten: die Potenz irgend einer Hauptneigung kann bei verschiedenen Menschen innerhalb der weitesten Grenzen variieren. Eben diese Mannigfaltigkeit der Stufen, diese Möglichkeit scharfer Schwankungen in der Intensität erscheint bei Ausscheidung der Hauptneigungen als das dritte Kriterium.

Gegenwärtig ist uns in den meisten Fällen gänzlich unmöglich, die subjektiven Faktoren, welche den Grund jeder einzelnen elementaren Neigung bilden, auf dem Wege der unmittelbaren Untersuchung zu er- mitteln. Mit anderen Worten geschieht die Untersuchung der Neigungen bloß vermittels ihrer Äußerungen). Alle Außerungen können in zwei große Gruppen geteilt werden, in äußere und innere. Die erste Gruppe bilden vor allem alle physiologischen Veränderungen auf der Peripherie des Organismus, welche sehr oft die verschiedenen seelischen Vorgänge begleiten, z. B. Veränderungen im Pulsschlag, in der Atmung und der vasomotorischen Tätigkeit, die Mimik und die pantomimischen Bewegungen, die Hemmung der Bewegungen, wie sie z. B. beim Zustand der Aufmerksamkeit stattfindet u. s. w. In einem

1) Im Kapitel VI werden wir auf diese Frage noch zurückkommen. ee 2) Obgleich der Terminus Äußerungen den Wortgebrauch des Originals en annähernd wiedergibt, haben wir keine genauere Übersetzung des russischen Ausdrucks

finden können.

—.. 19).

weiteren Sinne kann man mit dem Namen der äußeren Äußerungen der Neigungen das ganze Gebahren des beobachteten Subjekts belegen, als z. B. seine Worte und Behauptungen, die Art und Weise wie er andere Menschen behandelt, mit einem Wort alle die unendlich mannig- fachen Handlungen, vermittels welcher der Mensch mit seiner Um- sebung in Berührung kommt. Endlich gehören hierher auch jene noch wenig erforschten cerebralen Prozesse, welche gemäß dem Prinzip des psycho-physischen Parallelismus als unvermeidliche Begleiter jedes unseres seelischen Erlebnisses erscheinen.

Für die Psychologie, und zwar für die allgemeine Psychologie wie für die individuelle, haben die äußeren Äußerungen nur die sekundäre Bedeutung einer Ergänzung, indem sie nur insofern von Wichtigkeit sind, als sie uns den Einblick in die innere Welt des Menschen und die Erforschung der sie beherrschenden Gesetze erleichtern. :

Was die inneren Äußerungen anbelangt, so kann man eigentlich jeden psychischen Prozeß als eine Äußerung mehrerer einfachen oder zusammengesetzten Neigungen betrachten. Aber wie wir aus einer sroßen Zahl der psychischen Dispositionen eine verhältnismäßig geringe Zahl elementarer und stabiler Neigungen ausscheiden, so ist auch hier eine gewisse Wahl nicht nur möglich, sondern auch geboten. Als innere Äußerungen im engeren Sinne soll man nur die psychischen Er- lebnisse ansehen, welche sich in einer mehr oder weniger gleichen Form mehrmals wiederholen und bei Feststellung irgend einer bestimmten elementaren Neigung des gege- benen Subjekts als besonders charakteristisch erscheinen.

Die Untersuchung jeder Äußerung besteht in erster Linie in deren |

Analyse, d.h. in deren Zerlegung in elementare bewußte Erlebnisse. In diesem Punkt berühren sich die Aufgaben der allgemeinen und der individuellen Psychologie, infolge dessen die erste der zweiten in be- trächtlichem Maße vorarbeiten kann. Wir mögen eine beliebige innere Außerung nehmen aus dem Gebiet der Willensprozesse, der Affekte, ‚der Auffassung, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, des Urteils- vermögens überall führt uns gegenwärtig die allgemeine Psychologie rohes Material zu, in der Gestalt einer ganzen Reihe von typischen . sich mehrfach wiederholenden seelischen Prozessen, die ausführlich und genau beschrieben und analysiert sind.

Ferner muß auf die rein äußeren charakteristischen Merkmale hin- gewiesen werden, mittels welcher sowohl das Subjekt selbst als der Be- obachter jede einzelne Außerung von den übrigen unterscheidet. Als Beispiel diene uns eine Äußerung, welche bei den Menschen, denen sie eigen ist, sich durch große Stabilität auszeichnet und zugleich als höchst

charakteristisch erscheint eine frei und ohne Stocken fließende Rede, das, was gewöhnlich mit dem Worte Rednergabe bezeichnet wird. Dieser Außerung liegt ein großer Schatz von Wortbildern und eine Fähigkeit sie rasch und frei zu assoziieren und kombinieren zu Grunde. Aber diese Hauptneigungen sind unserer Beobachtung nicht zugänglich. Ebenso ist vor dem Blick des zuhörenden Beobachters derjenige Prozeß der Entstehung eines jeden Satzes verborgen, bei dem einzelne Wörter, Bilder, Teile verschiedener Sätze, welche an der Bewustseinschwelle des Redners wirr durcheinanderwogen, miteinander mannigfaltige Ver- bindungen eingehen und endlich wohlgebaute, vollendete Perioden bilden (die innere Äußerung der obengenannten Neigungen). Im Gegenteil wird das Endresultat sowohl vom Redner selbst, als von seinen Zu- hörern deutlich und lebhaft empfunden: der regelmäßige Bau und die Übereinstimmung der einzelnen Sätze untereinander, das Ebenmaß und die Vollendung der Perioden, die fließende Rede, von keiner unnötigen Pause, von keinem Stocken oder Stottern unterbrochen, das sind die äußeren Merkmale, welche für die gegebene Äußerung als charakteristisch erscheinen dürfen.

Endlich bildet den dritten und den wichtigsten Teil der Analyse der Äußerungen dasjenige, was man eine „charakterologische Analyse“ nennen könnte, d. h. die Ermittelung der Hauptneigungen, denen die gegebene Äußerung entspricht, oder mit anderen Worten die Beantwortung der Frage, welche Hauptneigungen besonders energisch in Tätigkeit gesetzt werden müssen, um den gegebenen psychischen Prozeß hervorzurufen.

Die Beobachtungen beweisen, daß die Resultate der charakterolo- gischen Analyse bei weitem nicht immer mit dem Eindruck zusammen- fallen, der bei -Gegenüberstellung der äußeren Konfiguration zweier Äußerungen entsteht und der hauptsächlich von den Umständen oder Anreizern, die den gegebenen Außerungen ihren Stempel aufdrücken, abhängt. Öfters erweist es sich, daß zwei Außerungen, die in ihrer Gesamterscheinung einander sehr ähnlich sind (und zwar nicht nur bei objektiver Beobachtung, sondern auch bei Selbstbeobachtung), im Grunde doch sehr verschiedene subjektive Faktoren zur Ursache haben, und umgekehrt gleichartige Neigungen zuweilen sehr verschieden sich äußern können. (Beispiele unten Kap. V).

Eine sehr wichtige Rolle spielen bei Entstehung und Gestaltung der Äußerungen die äußeren und inneren Umstände, die man An reizer der einzelnen Neigungen nennen kann. Jede Hauptneigung hat ihre Anreizer, deren Vorhandensein ihre Außerung begünstigt; so rufen Licht- und Schallreize bei genügender Intensität in dem Bewußtsein

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entsprechende Empfindungen hervor; die Erinnerung an eine erlittene Beleidigung wird von dem Gefühl des Zorns oder der Entrüstung be- gleitet; das Betrachten eines Kunstwerks ruft verschiedene ästhetische Gefühle hervor u.s. w. Je intensiver der Anreizer , desto mehr Ver- anlassung haben wir bei sonst gleichen Umständen die Boia der Äußerungen zu erwarten, die diesem Anreizer entsprechen. Im Gegenteil bei dem Ausbleiben des Anreizers kann die Neigung, wenn sie auch einen sehr bedeutenden Grad von Anspannung (z. B. infolge der Nicht- betätigung oder der vorangegangenen Übung) erreicht hat, entweder sich garnicht äußern, oder nur in der Hemmung und Störung anderer Prozesse einen Ausdruck finden. Beispiele: die Unruhe und Reizbarkeit eines Menschen, der keine passende Beschäftigung findet und sich lang- weilt, das unbestimmte Streben und die Schwankungen in der Stimmung, welche sehr oft die eintretende Geschlechtsreife begleiten u. s. w.

So wird die Intensität der Äußerung von zweifachen Faktoren be- stimmt: erstens von der Potenz und der Anspannung der entsprechenden Neigungen, zweitens von der Intensität des im gegebenen Augenblick wirkenden Anreizers. Es kann dabei geschehen, daß eine stark ent- wickelte Neigung bei einem schwachen Anreizer gerade dieselbe Äußerung bewirkt, wie eine schwach entwickelte bei einem starken AÄnreizer.

Die Wirkungskraft des Anreizers hängt manchmal nicht bloß von dessen Intensität, sondern auch von einigen anderen Umständen ab. Von einer detaillierten Betrachtung dieser Faktoren abstehend, erwähnen wir bloß die häufig vorkommende Erscheinung, die James Summierung der Reize nennt: „ein Reiz, welcher an und für sich keine Auslösung der Energie im Nervenzentrum bewirken kann, tut es, wenn er gleich- zeitig mit anderen Reizen wirkt, die einzeln genommen, ebenso kraftlos sind, wie er selbst“. Beispiel: „Indem wir uns bestreben, einen ver- gessenen Namen oder ein Faktum ins Gedächtnis zurückzurufen, ver- suchen wir, uns eine möglichst große Zahl von Umständen, die mit den- selben verbunden sind, zu vergegenwärtigen, damit ihre Gesamtheit das ins Gedächtnis zurückrufe, was jeder einzelne nicht vermag“ 1). Ähnliches wird bei wiederholter Einwirkung desselben Anreizers beobachtet. Wenn ich in die Lektüre vertieft am Schreibtisch sitze, kann ein einmaliges schwaches Klopfen an die Tür von mir unbeachtet bleiben, aber bei drei- und viermaliger Wiederholung zieht dieser Laut endlich meine Aufmerksamkeit auf sich. In den Prozessen der Suggestion und Auto- suggestion spielt, wie bekannt, die stereotype Wiederholung des ent- sprechenden Befehls oder Bildes eine äußerst wichtige Rolle.

1) W. James, Text-Book of psychology.

Pädagog. Monographien, herausgegeben von Meumann. Bd. XIV. 2 (Lasurski, Ueber das Studium der Individualität.)

Sowohl der Anreizer, wie auch die nächsten Äußerungen der von ihm angeregten Neigung können manchmal, ohne von uns unmittelbar wahrgenommen zu werden, doch in einem bedeutenden Maße den Verlauf unserer psychischen Prozesse beeinflussen. Zuweilen kann z.B. ein Mensch sich keine Rechenschaft davon geben, warum er von einer ge- wissen Apathie, Mattigkeit und Unlust zur Arbeit befallen sei, und erst seine Erlebnisse aufmerksam untersuchend, findet er, daß dieser Zustand durch die Erinnerung an einen unlängst erlittenen Mißerfolg verursacht sei. Indem die Individualpsychologie diesen Umstand in Er- wägung zieht, kann sie die Tätigkeit der verborgenen Anreizer nicht ignorieren und befleißigt sich, nach Möglichkeit dieselben in jedem einzelnen Fall zu berücksichtigen.

Wir unterscheiden äußere und innere Anreizer, je nachdem wir es mit den unmittelbar von außen auf die entsprechenden Nei- gungen einwirkenden Anreizern oder mit der Einwirkung der Er- innerungen und reproduzierten Vorstellungen zu tun haben. Aber streng können diese Gruppen, wie es scheint, nicht geschieden werden, denn bei den meisten zusammengesetzten Anreizern haben sowohl die wahrgenommenen, wie die reproduzierten Elemente gleich große Be- deutung. Als Beispiel können dienen: der Genuß, den uns die Lektüre eines Literaturwerkes gewährt, das Interesse, welches in uns die Be- trachtung einer seltenen und ungewöhnlichen Erscheinung wachruft, die aktive Aufmerksamkeit die auf äußeren Gegenständen sich konzentriert u.s. w. Ferner müssen neben den unmittelbaren Anreizern, deren Wirkung in Bezug auf die entsprechenden Neigungen als ziemlich spe- zifisch erscheint, die zufälligen oder mittelbaren Anreizer unter- schieden werden; indem sie keine direkte Beziehung zur gegebenen Neigung haben, rufen sie nichtsdestoweniger jedesmal ihre Außerung hervor, weil sich auf rein zufällige Weise ein Zusammenhang zwischen ihnen und dem eigentlichen unmittelbaren Anreizer dieser Neigung ge- bildet hat. Bei dem Anblick einer Spielsache, die ihrem jüngst ver- storbenen Kinde gehört hat, bricht die Mutter jedesmal in Tränen aus, und zwar deshalb, weil sie dadurch an das Kind und dessen Tod erinnert wird. Kg

Der Begriff des unmittelbaren Anreizers der Neigung kann in einem weiteren oder engeren Sinne gebraucht werden. Im ersten Fall wird dieser Terminus eine gewisse komplizierte Erscheinung in der äußeren oder inneren Welt bezeichnen, die jedesmal die Außerung einer be- stimmten Neigung bedingt, wobei die Gesamterscheinung Be men) wird mit allen ihren Eigentümlichkeiten und konkreten Details: Se schlag, der mitten in der stillen Nacht ertönt, eine unverdiente Be-

Sa

leidigung, die ein bitteres Gefühl hinterläßt,